Grundlagen

Die Anleiterbereitschaft bezeichnet den Zustand, in dem eine Drehleiter oder ein anderes Hub- und Rettungsgerät so positioniert und vorbereitet ist, dass Rettungsmaßnahmen sofort aufgenommen werden können. Sie ist keine bloß technische Bereitstellung – sie ist ein taktischer Befehl des Einheitsführers mit konkreten Auswirkungen auf den Einsatzerfolg. In einem Wohnungsbrand, bei dem Menschen aus oberen Stockwerken gerettet werden müssen, entscheidet die Geschwindigkeit des Aufstellens und der Bereitstellung der Drehleiter über Leben und Tod. Gleiches gilt für Industrieunfälle auf Höhenanlagen oder Menschenansammlungen in mehrstöckigen Gebäuden. Die Anleiterbereitschaft ist daher fester Bestandteil der Lage- und Einsatzvorbereitung und wird in der taktischen Grundausbildung vom ersten Lehrgang an vermittelt.

Merke: Anleiterbereitschaft bedeutet: Das Gerät ist aufgestellt, abgestützt, in Richtung Zielobjekt ausgerichtet – und die Besatzung ist einsatzbereit. Erst dann gilt Anleiterbereitschaft als hergestellt.

Hintergrund

Für die Anleiterbereitschaft relevante Geräte sind vor allem die Drehleiter (DL/DLK) sowie tragbare Leitern. Die FwDV 10 regelt den Einsatz der tragbaren Leitern und enthält Vorgaben zu Aufstellwinkeln, Standsicherheit und Verwendungsbereichen. Die Drehleiter unterliegt zusätzlich herstellerspezifischen Vorschriften und der DGUV-Regel 100-500. Ein wesentlicher Aspekt der Anleiterbereitschaft ist die Untergrundprüfung. Abstützplatten der Drehleiter müssen auf tragfähigem Untergrund stehen. Kellerdecken, Grünstreifen, Kanaldeckel oder Bordsteine können die Abstützung gefährden.

Aufstellbedingungen Drehleiter (allgemein)

  • Ausreichende Aufstellfläche für Abstützung (mind. 5 x 7 m je nach Bauart)
  • Tragfähiger Untergrund – keine Kellerdecken oder Hohlräume
  • Mindestabstand zur Hauswand beachten (je nach Ausladung und Objekthöhe)
  • Freilaufende Strecke für den Leiterpark – keine Leitungen, Bäume, Balkone
  • Windverhältnisse und Sicherheitsgrenzen beachten

Relevanz im Einsatzdienst

Die Anleiterbereitschaft ist in folgenden Standardlagen essenziell:

  • Menschenrettung aus oberen Stockwerken bei Brand oder Gefahr
  • Brandbekämpfung über Drehleiter (Wasserwerfer, Steckleiter)
  • Sicherung von Einsatzkräften auf dem Dach oder in der Höhe
  • Lageerkundung aus der Luft (Kamerafahrt mit DLK)
  • Evakuierung bei Gefahrgut, Einsturz oder ähnlichen Lagen
Praxistipp: Bereits beim Anfahren beobachtet der Maschinisten mögliche Aufstellpositionen. Ein kurzer Blick auf Parkfahrzeuge, Untergrundmarkierungen (Kanaldeckel, Tiefgarageneinfahrten) und Leitungsführung spart Zeit beim Aufstellen.

Rechtsgrundlagen

  • FwDV 10 – Die tragbaren Leitern, Stand: November 2019
  • DGUV Regel 100-500 / BGR 500 – Kapitel 2.10 (Betreiben von Hubarbeitsbühnen und Drehleitern)
  • Herstellervorschriften der Drehleiterfahrzeuge
  • Landesrechtliche Ausbildungsordnungen

Typischer Ablauf: Herstellen der Anleiterbereitschaft

  1. Auffahren und Positionieren — Der Maschinist fährt die optimale Aufstellposition an. Auf Untergrundfreiheit, ausreichend Platz für Abstützung und Leiterpark achten. Fahrzeug in Ausfahrtrichtung aufstellen, wenn möglich.
  2. Abstützung ausfahren — Abstützplatten ausfahren und auf Tragfähigkeit prüfen. Fahrzeug waagerecht stellen (Nivelliersystem). Unterlegplatten bei weichem Untergrund verwenden.
  3. Ausrichten — Leiterpark auf das Zielobjekt ausrichten. Anleiter-/Abstützbereich freihalten. Sicherheitsabstände zu Hindernissen (Leitungen, Bäume, Balkone) einhalten.
  4. Betriebsbereitschaft melden — Maschinist meldet 'Anleiterbereitschaft hergestellt' an Einheitsführer. Leiter kann jetzt ausgefahren werden. Korblicht und Kommunikation zur Einsatzstelle aktivieren.
  5. Durchführung — Rettungs- oder Erkundungsfahrt. Mindestens eine Einsatzkraft verbleibt beim Fahrzeug/Steuerstand.
  6. Nachbereitung — Leiter einfahren, Abstützung einholen. Schäden prüfen. Einsatzdokumentation. Gerät reinigen und wartungsbereit herrichten.

Sicherheitsmaßnahmen

  • Nie in den Schwenkbereich der Leiter eintreten – Quetschgefahr
  • Windgeschwindigkeit beachten – Drehleitern haben Windlastgrenzen
  • Keine Überladung des Korbs – Traglasten sind fahrzeugspezifisch
  • Kein Betrieb auf nicht nivelliertem Fahrzeug
  • Untergrundprüfung nie überspringen – Einbruchgefahr bei Kellerdecken
  • Kommunikation zwischen Korbführer und Maschinist sicherstellen
Achtung: Bei parkenden Fahrzeugen in engen Straßen kann die Anleiterbereitschaft unmöglich oder stark eingeschränkt sein. In diesem Fall frühzeitig alternative Rettungswege und den Einsatz tragbarer Leitern einplanen.

Kommunikation & Zusammenarbeit

Die Anleiterbereitschaft wird vom Einheitsführer angeordnet und vom Maschinisten durchgeführt. Klare Meldungen ('Anleiterbereitschaft hergestellt / nicht möglich') sind Pflicht. Die Position und Ausrichtung der Drehleiter beeinflusst die gesamte Taktik der Einheit – deshalb frühzeitig kommunizieren.

Häufige Fehler

  • Aufstellung ohne Untergrundprüfung – Absackgefahr bei weichem Boden
  • Leiter nicht nivelliert – Sicherheitssystem sperrt Ausfahrt
  • Sicherheitsabstände zu Oberleitungen nicht eingehalten
  • Zu enge Aufstellung – Leiterpark kommt nicht in Zielposition
  • Keine Rückmeldung an Einheitsführer, ob Anleiterbereitschaft hergestellt ist
Beispiel: Wohnungsbrand im 4. OG. Bewohner steht am Fenster. ELW ordnet sofort Anleiterbereitschaft an. Maschinist prüft Untergrund (kein Kanaldeckel), fährt Abstützung aus, richtet Leiterpark auf das betroffene Fenster aus. Nach 90 Sekunden meldet er: 'Anleiterbereitschaft hergestellt.' Auf Befehl erfolgt der Anleitervorgang.

Ausbildung & Übungen

  • Regelmäßige Aufstellübungen mit Zeitmessung – Ziel: Anleiterbereitschaft in unter 2 Minuten
  • Untergrundübungen: Verschiedene Böden, Kellerdeckensimulation, enger Straßenraum
  • Korbführerausbildung: Kommunikation, Notabstieg, Personenrettung aus dem Korb
  • Zusammenarbeit DLK + Atemschutz: Trupp über Korb ins Gebäude – koordinierter Ablauf

Weiterführendes

  • FwDV 10 – Die tragbaren Leitern
  • Artikel 'Leitern' auf Feuer-Pedia.de
  • Herstellerhandbuch der eingesetzten Drehleiter
  • DGUV Regel 100-500, Kapitel Hubarbeitsbühnen

Quellenangaben

Datei: FwDV 10 – Die tragbaren Leitern, Stand: November 2019

Teilweise ergänzt durch allgemeine Ausbildungsinhalte und Fachwissen (DLK-Taktik, Aufstellbedingungen).